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Kurzgeschichten - Sammlung erotischer Geschichten - Teil 2

<Familiengeister>

Kurz vor den Semesterferien, erhielt Renée wieder die Einladung zu einem der mysteriösen Familienfeste, die alljährlich im geräumigen Haus ihrer Großeltern stattfanden. In den seltensten Fällen wusste Renée, was eigentlich gefeiert wurde. Sie bekam ihre Einladung stets per E-Mail von ihrem kleinen Bruder Anthony, der in Mailand bei einem Antiquariat als Restaurator arbeitete.
Renée konnte elektronische Nachrichten nie am Computer lesen, sie musste sie ausdrucken oder jemand musste sie ihr vorlesen. Bei dieser Gelegenheit machte sie sich einen Tee und genoss jedes Wort, das sie vom Papier stahl. Auch wenn es keine romantischen Zeilen oder poesievolle Verse waren, so nahm sich Renée doch jede Menge Zeit, um ihre persönlichen Botschaften zu lesen. Sie kauerte sich auf den alten Korbstuhl mit dem kleinen Beistelltisch, spielte mit den Fingern in ihren dunklen Locken, während sie die Mitteilung ihres Bruders las – mindestens dreimal, es war ihre Art dem Absender für seine Mühe und die Aufmerksamkeit zu danken.
Anthony informierte sie über den Termin für die Feier und bot eine Mitfahrgelegenheit an, da er ohnehin mit dem Flugzeug kam und sich einen Mietwagen nahm.
Renée musste an die letzte Feier denken. Bei den opulenten Festlichkeiten traf sie fortwährend auf eine Menge Leute, die sie noch nie gesehen hatte. Das warf faszinierende Fragen auf. Gehörten sie zur Familie, waren es entfernte Verwandte oder alte Bekannte ihrer Großeltern? Woher kannten sie sie, verband sie ein altes Geheimnis oder eine verlorene Liebe? Was machte diese Feier so einzigartig, dass sie eine beschwerliche Anreise von mehreren Hundert Kilometern auf sich nahmen? Einige kamen gar aus Übersee oder Skandinavien.
Manche der Gesichter kannte sie von den alten Fotos in der Bibliothek, andere von Gemälden in der Lobby und wieder andere von vorangegangen Gelegenheiten dieser Zusammenkünfte. Aber immer waren Leute dabei, die sie noch nie in ihrem Leben gesehen hatte.
Mit ihren sechsundzwanzig Jahren hatte sie bisher nur einen Bruchteil der Empfänge erlebt, und in Anbetracht des fortgeschrittenen Alters der Gastgeber, gab es eine Menge verstrichener Möglichkeiten.
Ihr Großvater mütterlicherseits stammte aus der Nähe von Neapel. Gegen Ende des Krieges lernte er Gertrud, ihre Großmutter, in einem Lazarett und Hospital nahe der Stadt Görlitz kennen. Diese war berühmt für ihre Veteranen und Pensionäre, ebenso wie für blaue Stoffe, schlesische Küche und wenig Aktivität, was Mädchen in Renées Alter betraf.
Vor etwas mehr als zehn Jahren, bevor Renée zum Studieren nach Berlin ging, hatte die Stadt zumindest noch ein Theater. Nicht einmal mit schlechter Besetzung, jedoch wurde es aus Kostengründen geschlossen und mit dem Kulturreferat von Bautzen und Zittau zusammengelegt. Der Landtag hielt die Sanierungskosten des ehemals größten und bekanntesten Hauses dieser Gegend für nicht tragbar. Zudem wurde die Gerhard-Hauptmann-Stiftung, die Trägergesellschaft des künstlerischen Erbes der schlesischen Kleinstadt wegen des Vorwurfs der Veruntreuung Ziel einer polizeilichen Ermittlung.
Renée verband nicht viele großartige Erinnerungen an ihre Heimatstadt, doch ihre Großeltern besuchte sie, sooft sie Gelegenheit dazu hatte. Wenn nicht bei einem dieser Happenings, dann machte sie doch zumindest immer eine Stippvisite, wenn sie in der Stadt war. Sie liebte ihren Großvater über alles, seine nie endenden Geschichten von Vor und Nach dem Krieg, seine liebevollen Gesten, mit denen er ihre Großmutter umsorgte, auch wenn er mittlerweile seinen alten Sessel kaum noch verließ. Sie liebte den Geruch von Tabak, der ihn umgab, wie ein Mysterium unglaublichen Wissens. Renée musste dabei immer an alte Sherlock-Holmes-Verfilmungen denken, bei denen ein Darsteller gestandenen Alters in seinem Ohrensessel an der alten Pfeife zog, während sein scharfer Verstand gerade den Mörder entlarvte. Bei diesem Gedanken musste Renée lächeln. Ja, so war ihr Großvater.
Doch diese mystische Aura wurde auch von den Kindern, ihrer Großmutter und seinen Geschwistern gestützt. Auch wenn sich Renée nur schemenhaft an letztere erinnerte. Wenn ein Thema auf Großvater zu sprechen kam, hüllten sich alle in Schweigen. Insbesondere seine Zeit während des Krieges und wie er in das Lazarett gekommen war, wurde nie ausgiebig erörtert. Großmutter Gertrud verfiel dann stets in ein melancholisches Lächeln und verschwand in der Küche, um ein paar neue Speisen und Getränke aufzutragen. Einmal hatte Renée sie dabei ertappt, wie sie sich die Augen mit einem Taschentuch tupfte, nachdem sie geweint hatte. Dennoch traute sich Renée nicht, nach ihrem Befinden zu fragen. Sie legte ihr nur die Arme um die Schultern und strich ihr tröstend über das lange graue Haar. Sie wünschte, wenn sie in ihrem Alter war, auch noch solch schöne Haare zu haben.
Auch sonst genoss Renée alle Vorzüge ihrer italienischen Herkunft, ein dunkler südländischer Teint, große braune Augen und den Ansatz eines leichten Damenbartes, den sie regelmäßig epilierte, bleichte und nie zur Sprache brachte. Er war ihr kleines Geheimnis oder das der Frauen in ihrer Familie. Sie hatte zudem eine recht annehmbare Figur, auch wenn sie aufgrund ihrer Größe wohl nie den Sprung auf einen Laufsteg geschafft hätte. Ihre Beine waren im Verhältnis zu ihrem Oberkörper eindeutig zu kurz, was sie meist durch noch kürzere Röcke und High Heels zu kompensieren suchte. Das Übrige war am rechten Platz und von entsprechender Größe, um sich deswegen keine Gedanken zu machen.
Sie freute sich, denn neben ihren Großeltern, der bekannten Verwandtschaft und den zahlreichen Unbekannten, waren stets auch eine Menge junger Leute auf den Festen. Es war wie der verspätete Zug ihrer Jugend, der sie am nächsten Bahnhof einholte. Ein kulturelles Erbe, das sie so weit entfernt von ihrer Heimat zelebrierten.
Es gab ein riesiges Bankett mit Band, wobei sie stets die ausgefallene Wahl der Combo belächelte. Meist spielten sie eine Mischung aus Jazz, Swing und Sakral-Pop. Es gab in Grüppchen arrangierte Sitzgelegenheiten, mit weißem Leinen bespannte Pavillons, mit Windkerzen ausgeleuchtete Wege, Lichterketten und mindestens drei Bars, wo adrett gekleidete Herren in Anzug und Fliege diese leckeren Getränke mit Schirmchen servierten.
Beim Anblick dieses Luxus fragte sie sich jedes Mal, woher ihr Großvater soviel Geld hatte. Weder trug er teure Anzüge, zumindest nicht in ihrem Beisein, noch fuhr er kostspielige Autos, obwohl er während des Krieges als Fahrer der Offiziersriege tätig war, soviel wusste sie. Trotz der nur spärlichen Andeutungen über sein Leben während des Krieges konnte er nie zu soviel Geld gekommen sein. Zwar wusste sie von unglaublichen Gewinnen beim Pokern, aber das waren doch eher Zweckgegenstände und Kuriositäten.
Der vierzigjährige Papagei zum Beispiel, der in der Küche in einem gusseisernen Käfig an der Wand hing, und niemand außer ihrem Großvater an sich ran ließ. Ihn hatte er von einem gefangenen, russischen Offizier gewonnen, den er nach Berlin überführte – Renée konnte nur mutmaßen, was der Einsatz ihres Großvaters war. Oder aber das hässliche alte Gemälde, welches über der Couch thronte – zwei Reiter auf einem Pferd, die um eine Fahne kämpfen. Dieses Bild stammt von einem polnischen Soldaten, der an die Ostfront verlegt werden sollte. Renées Großvater sollte das Bild bis Ende des Krieges in Verwahrung nehmen und hatte es ihrer Großmutter geschickt, die es vor den Russen versteckte. Doch der polnische Soldat kam es nie abholen.
Jedenfalls von dieser Art waren die Gewinne ihres Großvaters, nie Geld, auch wenn er sicher die eine oder andere Sache hätte problemlos veräußern können. Aber das würde er nie tun. Zu wichtig waren die Erinnerungen. So gab es Kristallkaraffen aus böhmischem Glas, prunkvolle Spiegel mit Goldrahmen, alte Kommoden, Truhen, Tische und Stühle, ein Grammophon mit den dazugehörigen „Schellack-Platten“, Kosakensäbel, Schmuck, Vasen, prächtige Kleider etc., sogar ein alter Mercedes gehörte dazu und stand mit den anderen Schätzen im Bootshaus, unten am See.
Als Renée aus dem Taxi stieg, ihr Bruder war schon ein paar Tage zuvor nach Görlitz gereist, und das große gusseiserne Tor passierte, welches den Eingang zu dem versteckten Grundstück nahe der Bahntrasse bildete, fielen die letzten mühseligen Gedanken von ihr ab, wie der Staub einer langen Reise – sie war zu Hause.
Direkt hinter dem alten Tor standen die ersten Windlichter in kleinen Messinghaltern, wahnsinnig kitschig. Natürlich waren sie zu so früher Stunde noch nicht entzündet, doch es war perfekt vorbereitet, der Abstand der einzelnen Lichter zueinander, wie sie der Krümmung des Weges folgten und das kleine Puttengesicht am Fuß eines jeden Leuchters, stets parallel zum Weg, als sollten sie beobachten, wer ihn heute Abend alles beschreiten würde.

Während Renée beschwingt den Weg zur Auffahrt hinuntereilte, beobachtete sie Philippe, ein alter Bekannter der Familie, vom Balkon des Gästezimmers auf der Westseite. In der linken Hand hielt er einen Bourbon, während seine Rechte eine Zigarre sporadisch zum Mund führte. Er stand auf dem Balkon, der von der großen Weide überschattet wurde, die den Blick auf den kleinen See versperrte, der durch eine Quelle jenseits des Bahndamms gespeist wurde. In den späten Abendstunden konnte man dort den Gesängen der Kröten lauschen. Leider roch es dort auch immer besonders stark nach modrigem Laub, wenn die, für diese Region typischen, Herbstgewitter, die Blätter von den Bäumen geweht hatten, die nun allmählich im Wasser verrotteten.
Philippe war Ende Dreißig, wenn man seiner äußeren Erscheinung trauen konnte. An den Schläfen zeichneten sich die ersten grauen Schatten ab, welche seinem jugendlichen Gesicht eine distinguierte Note verliehen. Sein spitz zulaufendes Kinn, die buschigen Augenbrauen und der grau durchwachsene Dreitagebart ließen ihn äußerst attraktiv und erhaben erscheinen. Sein Körper war der eines Sportlers, auch wenn seine aktive Zeit im Turnverein bereits etliche Jahre zurücklag. Philippe trug eine braune Leinenhose mit Bügelfalte, ganz im Stil der 20iger Jahre. Dazu eine Kombination aus weißem Hemd und braunen Pullover, der leger über seinen Schultern hing. Das Hemd war immer bis zur Mitte der Brust geöffnet, wie man es von Italienern gewohnt ist. Ein Zeichen von Männlichkeit oder einfach Klischee.
Er beobachtete fasziniert, wie Renée ungezwungen über den gewundenen Kiesweg hüpfte und ihre femininen Attribute verführerisch die Blicke der Gäste auf sich zogen, die vor der Treppe zu dem kleinen Pavillon standen. Er kannte sie nun seit genau sechsundzwanzig Jahren und erlebte mit jedem Fest, wie sie schöner und fraulicher wurde. Er hätte sonst etwas dafür gegeben, wenn sie Notiz von ihm nehmen würde. Doch er war nur ein alter Freund ihres Großvaters, was soviel bedeutete, er musste auch mindestens annähernd das Alter von Pedro haben.
Er hatte ihren Großvater während des Krieges kennen gelernt. Reneés Großvater war unweit von Breslau vom Motorrad geschossen worden, als er dem Generalstab in Görlitz eine Depesche von der Ostfront zustellen sollte. Philippe hatte ihn gefunden, er war schon ganz kalt und lag mit dem Gesicht nach unten im Straßengraben. Die Reichsstraße stellte die Hauptverbindung zwischen dem Versorgungsdepot und der Front dar, das war wohl sein Glück.
Immer wieder versuchten Agenten der Alliierten den Nachschub zu unterbinden, indem sie Brücken sprengten, die Straße verminten und deutsche Soldaten dabei regelmäßig exekutierten. Natürlich waren ebenso viel Sonderkommandos des Führers unterwegs, um zu verhindern, dass genau das geschah.
Jedenfalls hatte Philippe den jungen Pedro aus dem Dreck gezogen und auf ein kleines Gut geschafft, dass etwas abseits hinter einer Bahntrasse lag, und so von der Chaussee nicht eingesehen werden konnte. Zudem war es bereits geplündert worden und die nachfolgenden Truppen hatten kein Interesse mehr daran. Es war also einigermaßen sicher. Er hatte seine Wunden versorgt und dafür gesorgt, dass sie weder die Deutschen, noch Spione der Alliierten oder Russen fanden.
Philippe war ein Deserteur, der auf dem Weg zurück nach Como war. Eigentlich wollte er Pedro nach Geld und etwas zu essen durchsuchen, er hielt ihn für tot, doch als er sah, dass es sich um einen Landsmann handelte, von dem er vermutete, dass er auch auf der Flucht war, beschloss er ihm zu helfen. So lernten sich beide kennen, auch wenn sie sehr unterschiedliche Standpunkte, den Krieg betreffend, besaßen. Pedro stellte die geheime Depesche zu, kaum dass er wieder gehen konnte.

Renée betrat das Haus ihrer Großeltern und verschwand direkt in der Küche. Ihre Taschen ließ sie neben der Tür fallen und rannte zu ihrer Großmutter, um sie in die Arme zu schließen. Diese streckte überrascht die Hände von sich, die mit Teig verschmiert waren, den sie eben noch knetete, bevor Renée ihr um den Hals fiel.
„Ja was denn Kindchen, sieh dich vor, du machst dich ja ganz schmutzig!“, dann lachte sie und küsste ihre Enkeltochter auf den Mund. „Du bist früh dran, Kleines, willst du dich nicht erst einmal umziehen?“
„Nein, nein, ist schon gut, erst einmal habe ich Hunger. Was gibt es Leckeres?“, fragte Renée, während sie die Deckel sämtlicher Töpfe auf dem Herd lüftete, den Kühlschrank durchwühlte und in die Speisekammer spähte.
Gertrud stemmte die Fäuste in die Hüfte und schüttelte lächelnd den Kopf: „Dort am Fenster stehen ein paar gefüllte Teigtaschen von heute Mittag, wenn dein Bruder nicht alle aufgegessen hat!“, antwortete ihre Großmutter, „Und dort unten im Kühlschrank, in der Schüssel mit dem Zwiebelmuster befindet sich noch etwas Dessert, dass ich vor deinem Großvater in Sicherheit bringen konnte.“
Während Renée von allem etwas in sich hineinstopfte, fragte sie, kaum verständlich: „Wo ist Großvater?“
„Oben mein Kind, in seinem Arbeitszimmer, bei seinen Büchern.“
Renée nickte schnell, schnappte sich noch eine, nach kurzem Zögern noch eine weitere Teigtasche, naschte noch einmal geschwind vom Pudding und verschwand mit vollem Mund, über das ganze Gesicht kauend durch die Tür, welche zum Dienstbotenaufgang führte.
Ihre Großmutter schaute ihr amüsiert nach – „Sie wird nie einen Mann finden, mit der Unbeschwertheit, die sie an den Tag legt. Dann widmete sich Gertrud wieder ihrem Kuchen.

Renée schlich die Treppe hinauf, schluckte vor der Tür noch schnell und gezwungen runter, dann bereitete sie sich darauf vor, ihrem Großvater einen gehörigen Schreck einzujagen, auch wenn ihre Großmutter stets die Hände über dem Kopf zusammenschlug, wenn sie davon erfuhr – „Beim Heiland, bist du gebrannt Kind?“ – pflegte sie dann stets zu sagen. Dabei bekam ihr Gesicht eine gesunde rote Farbe und ein schelmisches Lächeln huschte um ihre Augen, dass Renée sie einfach nur noch küssen wollte – „Er hat mich doch kommen hören. Vielleicht sieht er nicht gut, aber schlecht hören kann er noch ausgezeichnet.“ – damit schmiegte sie sich an ihren Großvater und keiner konnte ihr mehr böse sein. Genauso verliefen Rügen vonseiten ihrer Großmutter, seit sie denken konnte.
Leise und mit einem Zug nach oben schob sie also die Tür in der Wandnische auf, ganz darauf bedacht, ihr keines des verräterischen Quietschens zu entlocken. Mit einem großen Schritt war sie auf dem alten Teppich, der unter der Sitzgruppe mit dem braunen Eichentisch lag, und sofort in der Hocke hinter der Couch. Dann spähte sie vorsichtig über die Lehne mit einem verschwörerischen Grinsen auf dem Gesicht. Sie zog den Geruch nach kaltem Rauch und alten Büchern durch die Nase und wünschte sich in dem Augenblick, sie wäre nie von hier weggegangen. Das Lächeln wich einem melancholischen Blick und einem leichten Seufzer. Sie erhob sich hinter ihrem Versteck und drehte sich einmal um die eigene Achse. Dabei schweifte ihr Blick über die dunkle Holzvertäfelung, das alte Röhrenradio – ein großer, schwerer Kasten, den verstaubten Globus, von dem sie wusste, dass ihr Großvater dort seine Bar versteckte, die Hunderte von Büchern mit Ledereinbänden und goldenen Aufdrucken, die Büste einer Venus, welche direkt hinter dem Ohrensessel stand, die alte Kommode gleich neben der Tür, auf der sich alte vergilbte Fotos in einfachen Rahmen aneinanderreihten, den verschnörkelten Kristallspiegel und schließlich die Sammlung von Pfeifen, die an der Wand zwischen Klavier und Radio hingen. Ihr Großvater war nicht da. Sie ging hinüber zum Klavier und strich mit den Fingern über das alte Holz, dann über die unterschiedlich gemaserten Pfeifenköpfe, und zu guter Letzt schaltete sie das Radio ein. Es funktionierte noch immer. Ein Swing drang leise an ihr Ohr. Sie lauschte einen Moment und schaltete es wieder aus. Dann legte sie den Kopf etwas schief und begann die Buchrücken zu lesen – Homer, Goethe, Proust, Nietzsche, Segers, Byron – sie standen völlig willkürlich, ohne jegliches System und Renée musste ihren Sinn für Ordnung niederringen, um die Werke nicht augenblicklich zu sortieren. Sie schüttelte den Kopf, drehte sich um und erschrak.

Philippe stand schon eine Weile in der Tür und beobachtet sie, wie sie gedankenverloren in Erinnerungen schwelgte, wie sie über das Klavier strich und das Radio einschaltetet, wie sie, den Kopf auf der Schulter, mit einem leisen Murmeln die Buchrücken las. Ihr duftendes Haar, das auf die Seite fiel, entblößte ihren schlanken Hals und die zierlichen Ohren mit den großen Schmuckstücken ihrer Großmutter darin, die sie von Gertrud zu ihrem einundzwanzigsten Geburtstag bekommen hatte.
Pedro hatte sie in Katowice von einem Zigeuner beim Spielen gewonnen und sie Gertrud zum Verlobungsgeschenk gemacht. Sie waren daumengroß, aus Gold und besaßen einen protzigen grünen Stein in der Mitte, der aufwendig geschliffen war. Dennoch bezweifelte Philippe, dass die Stücke echt waren, aber das zählte auch nicht, vielmehr war es die Liebe von Pedro zu seiner Gertrud. Alles, was er je beim Spielen gewonnen hatte, war weder von finanziellem Wert noch authentisch. Philippe musste lachen, als er an den alten Papagei dachte, oder das Reiterbild, welches angeblich aus der Eremitage stammte. Auch die vergoldete Spieluhr war hübsch, aber sie versagte den Dienst, unmittelbar nachdem Pedro sie aus der Kiste genommen hatte und der Holländer verschwunden war.
Philippe ging hinüber zu dem kleinen Tisch neben dem Globus, stellte sein Glas ab und öffnete das Versteck, um sich nachzuschenken. Dabei ließ er Renée keinen Moment aus den Augen. Er sah, wie ihre Wangen von dem Schreck leicht gerötet waren, wie ihre Nasenflügel bebten und sich ihre Brust ängstlich hob und senkte.
Er machte keinen Hehl daraus, dass er sie musterte. Sein Blick glitt von ihrem Scheitel über den wundervoll geformten Busen hinunter zu dem kurzen Rock, den schlanken Beinen und den hohen Schuhen. Sie war wie hypnotisiert. Er lächelte kurz und wendete sich ab. So konnte sie sich wieder entspannen. Philippe lauschte, und als sich Renées Atmung beruhigt hatte, nahm er das neu gefüllte Glas und ging zu ihr hinüber. Er reichte ihr den goldfarbenen Whiskey, in dem mit leisem Knirschen das Eis sprang, während es den zähflüssigen Alkohol die Wärme entzog. Als Renée das Glas nahm, klapperte das gefrorene Wasser darin, weil ihre Hände zitterten. Nicht wegen des Schrecks, vermutete Philippe, vielmehr, weil sie seinen Atem jetzt ganz dicht an ihrem Ohr spürte.
Er sog gierig den Duft ihrer Haare ein. Sie trug einen Hauch von Jasmin mit einer leicht herben Note, die er nicht einzuordnen wusste. Den Geruch hatte Philippe schon vor Jahren an ihr bemerkt. Er flüsterte ihr etwas ins Ohr und ihre Nasenflügel erbebten.
Durch die weiße Bluse zeichneten sich ihre Brüste ab. Er trat einen Schritt von ihr zurück und führte sein Glas an die Lippen und lächelte charmant.
Renée erzitterte, doch es war keine Furcht, es war der Schatten einer Erinnerung, der allmählich Besitz von ihr ergriff. Mit einem Schluck stürzte sie den scharfen Alkohol hinunter. Ihre Kehle brannte, aber gleichzeitig breitetet sich eine wohlige Wärme in ihr aus.
Philippe stellte sein Glas zu den Büchern im Regal, während er sich wieder Renée näherte. Er legte ihr ganz sanft eine Hand an den Hals und strich ihr die dunklen Haare von der Schulter, um zärtlich ihren Nacken zu küssen. Seine andere Hand ruhte sanft auf ihrem Bauch – fest und leicht gerundet, dort wo sich der Bund ihres Rockes befand.
Seine Finger nestelten an der Bluse und zogen sie langsam Stück für Stück aus der raschelnden Umklammerung. Langsam und behutsam öffnete er ihre Bluse, einen Knopf nach dem andern, von unten nach oben. Als sich weiß blitzend ihr BH zeigte, hauchte er ihr erneut beschwörende Worte ins Ohr, worauf sie wieder zu beben begann. Im nächsten Moment berührten seine Finger ihre nackte Haut und das Zittern verebbte.
Behutsam nahm er ihr das leere Glas aus der Hand und stellte es auf den Korpus des Radios. Ihr Blick folgte seiner Hand, die anschließend hinab zu ihren Oberschenkeln glitt, wo der Saum des Rockes die Beine berührte und zwei Fingerbreit höher ihre langen Strümpfe begannen. Philippe kniete sich vor sie und schob ihr langsam die Hände unter den Stoff. Seine Finger strichen über ihr festes Gesäß und umfassten den Saum ihres Slips, dann hielt er inne, zwei, drei, vier endlose Sekunden. Als er spürte, dass die Spannung schier unerträglich wurde, riss er an der zarten Spitze.
Renée zuckte zusammen, und Philippe brachte das reizende Element zum Vorschein, oder vielmehr das, was davon übrig war. Für einen kurzen Moment tauchte er seine Nase in das dünne Gespinst und ließ es anschließend achtlos zu Boden fallen. Renées Hände lagen schützend auf ihren Rock gepresst, während sich Philippe erhob. Seine Finger entblößten ihren Busen und streiften ihr sanft die Bluse von den Schultern. Dann küsste er ihr Dekolleté, seine Hände wanderten wieder hinab zu ihrem Hinterteil. Er raffte ihren Rock und umfasste fordernd ihren Po. Seine Lippen küssten ihre feenhaften Knospen von der Farbe gefrorenen Nebels. Seine Finger öffneten den Reißverschluss im Rücken.
Lautlos fiel das Stück Stoff zu Boden und offenbarte Renées Scham, ein dunkler Wald, geheimnisvoll üppig wuchernd. In diesem Moment ließ Philippe von ihr ab.

Für Renée floss die Zeit träge dahin und tropfte in langen Fäden über den Rand ihres Bewusstseins. Was passierte mit ihr? Sie sah Philippe, wie er sie frivol musterte und sie erinnerte sich daran, wie sie ihn als Teenager begehrt hatte. Er musste mittlerweile gut dreimal so alt sein wie sie selbst, aber er sah immer noch blendend aus. Sein Geruch erinnerte ein wenig an ihren Großvater, „Dakar Noir“ und kalter Pfeifenrauch.
Sie spürte seine Hände auf ihrem Bauch und unter ihrem Rock. Sie fühlte die sengende Hitze hinter der Stirn und die Begierde in ihrem Leib. Sie zwang sich, ruhig zu atmen und die Augen zu öffnen.

Die Stimme ihrer Großmutter, welche die Treppe hinauf kam riss sie aus ihrer Starre. Sie schrak zusammen und ließ das Bild fallen. Scheppernd zersprang es auf dem Boden. Während sie wie gebannt auf die Trümmer neben dem Foto blickte, ging ihr immer wieder ein Gedanke durch den Kopf. – „Hatte sie es fallen lassen, bevor, oder weil ihre Großmutter sie gerufen hatte? Wenn es davor war, warum?“ Es dauerte einen Moment, bis sich die Blockade in ihrem Verstand löste.
Sie ging in die Hocke, griff nach ihrem Höschen und kehrte notdürftig die Scherben zusammen. Dann nahm sie das Foto, in die Hand und versuchte zu verstehen. Sie begann zu frösteln und kurz darauf rannen ihr Tränen über das Gesicht.
Das Bild zeigte Männer in deutscher Uniform, einer von ihnen war ihr Großvater. Sie hatten ihre Waffen nach einer Erschießung gesenkt und lächelten überlegen in die Kamera. Im Hintergrund sah sie den Körper eines Toten. Ein scharf geschnittenes Gesicht, äußerst attraktiv, mit buschigen Augenbrauen und einem grau durchwachsenen Dreitagebart. Er trug die Mode der 20iger Jahre, eine Kombination aus Leinenhose mit Bügelfalte, weißem Hemd und braunem Pullover, der jetzt neben ihm am Boden lag – Philippe!


Sukkubus - Sammlung erotischer Geschichten

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