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Charathéa - Meridian-Auszug


Charatéa
Charathéa

Charatéa – Stadt der Ströme, Brücken, Ondits und toter Söhne;
Stadt der schweigenden Worte, Klingen und versunkenen Orte;
Stadt der Schuppen, tödlich und schnell – Heimat der Nareille.

Charathéa – Ozean der Geschichte, Seefahrer Grab und Gerüchte;
Schiffe und Wogen, ertränkte Kinder – Bett, wo die Stürme toben;
Matriarchat, Kampf und Intrige – südlich von Leviathans Wiege.

Charathéa – Hass und Fluch, Wüste der Mythen – Schattenburg;
Feste des Kaisers, fern seiner Macht, fremde Gedanken aus dunkler Nacht;
Nacht des Zwielichts, Stunde der Agonie – Geburt: Rhyan‘ Qiu.


Thronfolge von Callad’ Han – Charatéa, Meridian / Abend vor der Invasion

Ruth-Gawr war kein Mann der vielen Worte. Der Nareille hatte im Dienst für seine Herrin das linke Auge und seinen Schwanz verloren. Die Beeinträchtigung für den Ruf, die er verkörperte, zwang Vor-Hal‘ Galét, die Herrin der Grünen Woge, ein Bordell im Süden von Charathéa, ihn aus ihren Verantwortlichkeiten zu entlassen. Ein Nareille ohne Schwanz und unfähig eine Klinge zu führen, war Gift fürs Geschäft.
Von der Abfindung, die ihm Galét zugestand, kaufte sich Ruth-Gawr eine alte Taverne im Hafen, zusammen mit zwei Trinkgefährten, Idar und Sovr, beides Schlitzohren vor den Mythen. Nachdem Idar dem Suff verfallen war, löste Ruth-Gawr seine Anteile ab, und als Sovr letztes Jahr bei einer Schlägerei mit den beiden Harpunieren der Corelle ums Leben kam – die zweitgrößte Fischfangfregatte an den Kais von Charathéa – gehörte „Harleth’s Ende“ allein Ruth-Gawr.
Niemand wusste, dass er die beiden großen Nareille aus dem Haus von Lady Dor-Thonde für das Attentat bezahlt hatte. Sie galten als gefährlich und besonders skrupellos. Sovr hatte sie irgendwann einmal provoziert und so wundert es keinen, dass sie ihm eines Nachts auflauerten und umgebrachten. Es war lediglich eine Frage der Zeit. Ruth-Gawr schnippt nervös mit den Fingern, als hätte er hartnäckige Klebereste dazwischen, ein Tick aus seiner Zeit als Leibwächter. Eghar‘ Lyn lässt locker seine kleinen Füße über die Kante des Tresens baumeln. Er hat lange schwarze Reitstiefel an, die an der Wade geschnürt sind. Dazu trägt er einen kurzen Waffenrock, der ihm bis auf die Oberschenkel reicht, mit auffälligen, großen Taschen und breiten Ärmelaufschlägen, die geschickt seine langen Finger verbergen. Auf dem Kopf hat er einen Dreispitz aus schwarzem Samt, der im flackernden Licht der Öllampen mystisch schimmert. Sein kleiner Radmantel, den er für gewöhnlich auf seinen Spazierflügen trägt, liegt achtlos dahin geworfen über der Lehne des Barhockers zu seinen Füssen.
Während er gelangweilt den Worten von Ruth-Gawr lauscht und auf die Verabredung wartet, die der alte Gauner für ihn arrangiert hat, spielt er mit dem alten, silbernen Stilett, an dessen Knauf ein großer Rubin funkelt. Es stammt von seinem Vater, der es wiederum von seinem Vater, und von dessen Vater und dessen Vater hat. So erzählt er es zumindest immer all denen, deren Interesse an diesem Schmuckstück, für seinen Geschmack zu weit geht. Er selbst weiß nicht mehr, von welchem Raubzug der Dolch stammt, aber an diese Geschichte kann er sich immer erinnern, wenn ihn jemand danach fragt...

Auszug: Meridian - Das Modell der Sphären/ 8.Kapitel - Entropie


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