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Satire Teil 1

<Alle Jahre wieder>


„Nach abgestimmter Anteilseignung an verschiedenen Präsenten zur jährlichen Wiederholung eines christlichen Feiertags, möchte ich an dieser Stelle die Möglichkeit nutzen, persönliche Wünsche für die folgenden Tage der Versonnenheit zum Ausdruck zu bringen.“

So, oder so ähnlich fallen erfahrungsgemäß die Weihnachtsgrüße von Firmenvorständen an ihre Arbeitnehmer aus. Meist begleitet von einer Einladung zu einem opulenten Abendessen, das durchaus einem Weihnachtsgeld von einhundert Euro pro Angestellten entspricht, die dieser als solches sicher vorgezogen hätte.
Nachdem man dann eingeschaufelt hat, dass man kaum noch einen Knopf am Bund öffnen kann, ohne die Hose zu verlieren, schließlich hat der Chef bezahlt, und wenn es schon kein Weihnachtsgeld gibt, dann soll er das wenigstens an der Rechnung spüren, wird massiv die Sekretärin angebaggert, oder das Servicepersonal des Restaurants, wenn die Tippse zu alt und der Alkoholpegel noch nicht hoch genug ist. Das ist alles im Preis mit drin. Und dann hofft man, dass die Belegschaft die kollegiale, gesellschaftliche Entgleisung bis zum kommenden Jahr vergessen oder verdrängt hat. Mit etwas Glück kann man sich sowieso nicht mehr an Koitus Interruptus auf der Toilette erinnern, weil man sich, dank dem Einfluss von drei Weizen, vier Whiskey-Cola, zwei Gin-Tonic und einem Mai-Thai, in den Hosen verfangen hat, welche wie Fußfesseln um die Knöchel liegen, und mit dem Schädel auf den Spülkasten geschlagen ist, die Besinnung verloren hat und erst am nächsten Morgen in der Ambulanz mit einer genähten Platzwunde wieder zu sich gekommen ist.

Mit den Feiertagen verbinde ich aber auch die aufdringliche Spendengesuche in fantasievollem Rahmen und vor historischer Kulisse in Talk-Shows, Benefiz-Veranstaltungen, Gewinnspielen, Geschenkvorschlägen oder karitativen Vereinen, die in Fußgängerpassagen und auf Promenaden genervte Passanten um Almosen ersuchen.
Nicht nur, dass der Gürtel, den wir alle, laut Aufruf unserer Führungsriege, enger schnallen müssen, uns bereits die Luft zum Atmen nimmt. Wir sind emotional so geladen, dass theoretisch jeder Moderator von Spendenaufrufen potentiell aggressionsgefährdet ist. Der kleine Mann entlädt seinen Frust dann schon mal an den Jüngern der Mormonen in ihren schwarzen Anzügen mit den Namensschildchen auf der Brust oder den Zeugen Jehovas mit dem Stapel Wachtürme auf dem Arm, die sich in die Reihe der Punks und Bettler an der Rolltreppe zu U-Bahn einreihen, indem er ihnen mit einem freundlichen und besinnlichen Lächeln die Spendendose aus der Hand kickt, oder seinen Coffee-to-go über den andächtigen Schriftsatz entleert.

Zu keinem anderen Jahreszyklus sind Sonderangebote und Preisvorteile so massiv im Bewusstsein der mehr oder weniger kaufkräftigen Klientel, wie vor den Feiertagen. Konsummogule, die im Mäntelchen der christlichen Nächstenliebe und besinnlichen Friedfertigkeit, zum Ende des Jahres noch einmal Millionenprofite einfahren.
Mir fallen da die Rot bejackten Vollbärte ein, die in fast jedem Foyer der großen Discounter Ho, Ho, Ho brüllen, nach billigem Fusel riechen und sich unentwegt am Arsch kratzen. Nicht nur, dass wir nun schon seit Jahren das Fest der Kürbisse zelebrieren, ohne eigentlich zu wissen, was dessen Ursprung ist, einfach nur weil es den Umsatz fördert und ein neues Bedürfnis bei der Kundschaft suggeriert, welches finanziell befriedigt werden kann. Nein, im Zuge der Globalisierung prangt an jedem dritten Gebäude eine blendende Flut von Illuminationen, Kunststoff-Rentieren, Weihnachtsmännern und sonst wie gearteter amerikanischer X-Mas-Glorifizierung.
Was ist aus unserer Kultur geworden? Müssen wir jetzt bei allem und jedem das amerikanische Vorbild imitieren?

Doch ich möchte nicht den drohenden Zeigefinger erheben, das machen andere viel besser und verdienen nicht schlecht dabei. Ich möchte lediglich meine Meinung zu Papier bringen, weil ich denke, dass viele Menschen ebenso empfinden. Auch möchte ich nicht negativ zurückblicken. Leider wiederholt sich dieser Zyklus, in eben der Gestalt, jedes Jahr aufs Neue. Nach dem Motto: „Konsumieren und Ignorieren!“

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