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Satire Teil 2

<Milieustudie>


Es ist Sonntagabend und ich weiß, es wird wieder spät werden. Punkt 16:00 Uhr beginnt meine Schicht. Zwischen leeren, bis unter die Decke gestapelten Kunststoffkisten von DHL, zwei überdimensionalen Frankiermaschinen und zum Bersten gefüllten Regalen mit Olivenöl, Mais, Mehl, Spaghetti, verschiedenen Soßen, Thunfisch und Zwiebeln, streife ich mir das T-Shirt mit dem ausgewaschenen Logo über den Kopf. Eigentlich ist es eine XXL, aber ich sehe darin trotzdem aus wie ein Diätkoch im Urlaub.
Ich trage mich in die Arbeitsliste ein, zähle mein Wechselgeld und werfe einen Blick auf meinen ersten Auftrag – Hahn, denke ich, na das fängt ja gut an. Das letzte Mal als ich diesem Typen sein Essen lieferte, riss er mir den Karton aus der Hand und warf mir die Tür vor der Nase zu ohne zu bezahlen. Wieso liefern wir überhaupt an solch reizende Individuen?

Ich parke den Wagen halb auf dem Gehweg, damit auf der Strasse noch etwas Platz für den Gegenverkehr bleibt und ernte dabei bereits böse Blicke von einer weißhaarigen Matrone mit ihrem Yorkscher, der im gleichen Stil frisiert ist wie sein Frauchen. Dann schnappe ich mir die Thermobox und haste hoch in den dritten Stock. Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt, dass hier das Erdgeschoss bereits als Eins gezählt wird.
Oben angekommen fällt mein Blick auf die ausgetretenen Turnschuhe mit den Plastiktüten darin. Ich versuche einen Sinn hinter dieser ausgefallenen Strumpfmode zu erkennen, da öffnet sich bereits die Tür. Ich überlege, ob ich bereits geläutet habe – in der Regel nehme ich mir immer etwas Zeit zum verschnaufen, bevor ich dezent den Klingelknopf malträtiere.
Ich zwinge mich zu einem Lächeln, während ich auf einen dummen Spruch warte – Unter einer Stunde!? Dann ist ja mein Essen heute noch warm!
Wie dieser Satz impliziert, bestellt dieser Kunde jeden Abend. Da ist die ernst gemeinte Frage, ob er Rabatt bekommt, wenn er so häufig bei uns ordert, Teil des allabendlichen Unterhaltungsprogramms der Fahrer.
Er reicht mir den bis auf den letzen Cent abgezählten Betrag und gestikuliert mir, ihm seine Bestellung auszuhändigen. Ich überlege, ob ich dieses Mal einfach wieder verschwinde – quasi als Retourkutsche. Es dürfte eine Weile dauern, bis er sich in seine Kunststofftüten gezwängt hat, um mir hinterher zu hetzen.
Ich lächle bei diesem Gedanken und krame in einer Seelenruhe seine Pizza aus der Box, vergewissere mich noch einmal auf der Bestellung, dass es auch wirklich die Richtige ist und überreiche ihm die dampfenden Kohlehydrate. Noch bevor ich ihm einen schönen Abend wünschen kann, fliegt die Tür vor mir zu. Mit einem lauten Scheppern löst sich der Türknauf aus dem Schloss und rutscht der über das Treppenpodest, bevor er unter dem alten Hocker mit nur noch drei Beinen, langsam um die eigene Achse kreisend zum Liegen komm. Ich überlege, ob ich gleich noch einmal läute, damit ich sein Fluchen hören kann, wenn er auf der anderen Seite die Klinke in der Hand hat.

Wieder in der Pizzeria suche ich am Wärmeschrank nach dem chronologisch nächsten Auftrag. Dabei richtet sich meine Reihenfolge nach der Anzahl der zu bezwingenden Etagen. Ich entscheide mich für die 1.Etage, also Erdgeschoß – ohne dabei auf den Namen zu schauen, wie ich zu meinem Bedauern eingestehen muss. Erst als ich die zwei Flaschen Frascati aus dem Pappkarton angle, überkommt mich so eine leichte Ahnung – Fr. Tischler.
Die gute Frau ist irgendetwas zwischen Dreißig und Fünfzig, abhängig von der Tageszeit, an der man ihre Lieferung zustellt. Nach Hörensagen hat sie bis vor einigen Jahren als Bildungskader gearbeitet. Kaum vorstellbar, wenn man sich ihre heutige Verfassung vor Augen ruft.
Mit einer eleganten180Grad-Wendung parke ich den Wagen auf der gegenüberliegenden Straßenseite, schwinge mich aus dem Sitz und gehe zum Heck des Fahrzeugs, um den Kofferraum zu öffnen. Ich nehme die Tüte mit dem Alibi-Salat in die eine, und die zwei Flaschen Weißwein in die andere Hand. Die Heckklappe lasse ich offen, dann schlendere ich über die Strasse. Die Haustür ist eingehakt und ich kann direkt bis vor die Wohnung durchgehen. Ich läute und werfe einen Blick auf den Abtreter mit dem schmutzigroten Schriftzug „Welcome“. Als sich die Tür öffnet rutschen mir fast die Flaschen aus der Hand.
Fr. Tischler ist bereits gut dabei und lehnt in verzerrt lasziver Art, teils auf ihrem Schuhschrank, teils am Türpfosten. Ich versuche einen kausalen Zusammenhang zwischen der Menge, niedrigprozentiger Sedativa, die wir liefern, und dem Umfang der Garderobe zu erfassen. Diese hier hat definitiv zu wenig an und schon zuviel Ersterer – weißer, Rollkragenpullover aus Schurwolle und … Hausschuhe!
Während ich versuche meinen Blick diskret auf Scheitelhöhe zu fokussieren, gleitet Fr. Tischler wie auf einem schiefen Bild seitlich von der Kommode. Mit den Armen wedelnd deutet sie auf einen Haufen Kleingeld. Ich stelle den Frascati neben das Telefon auf den Schuhschrank und reiche ihr den Salat. Dabei kann ich es nicht verhindern, dass mein Blick ihr waldiges Mittelland streift, was sich schmerzhaft in meine Erinnerungen brennt. Ich kehre die Münzen mit der Hand von der Kommode in meine Börse. Dann ziehe ich die Tür hinter mir ins Schloss und sehe, dass ich wegkomme – Ich habe nicht einmal nachgezählt.

Als ich wieder im Laden ankomme, ist die Hölle los – fünf Aufträge am Wärmeschrank, eine endlose Latte über der Serviertheke, drei Hauskunden, permanent klingelt das Telefon und hinter dem Tresen vor der Kasse stapeln sich die Faxe. Mittlerweile treten sich die Leute gegenseitig auf die Füße, die Stimmung ist aufgeheizt und der Blick der Schichtführerin brennt Löcher in die Reihen des Fußvolks. Wer kann geht mit irgendeiner Beschäftigung in Deckung oder sucht in einem Auftrag das Weite – Fr. Dr. Camel.

Diese Frau heißt tatsächlich so und die Anzahl an Zigaretten, die sie täglich inhaliert, vorzugsweise gleichnamiges Fabrikat, hat nichts damit zu tun. Ihr kulinarischer Appetit hingegen schwankt von Kartoffelecken, über Baguette, bis hin zu Burger. Heute hat sie sich für Pizza entschieden. Zum Dessert ein Blaubeer-Muffin und zwei Schachtel Tabakwaren. Ich denke „Glück gehabt!“ und verschwinde, um das Essen an den Mann, bzw. die Frau zu bringen.
Diese Kundin war Mitglied des Klinikpersonals einer Nervenheilanstalt im Liefergebiet, bis sie einen Zusammenbruch erlitt und selbst Gast in der geschlossene Abteilung wurde. Heute bewohnt die knapp Sechzigjährige eine kleine, mit Schnickschnack angefüllte, Zweiraumwohnung in Kliniknähe und erhält täglich ihre Medikation von einem häuslichen Pflegedienst, dem ich schon gelegentlich begegnet bin – nicht ganz unattraktiv.
Ich fahre mit dem Pizzafahrzeug bis direkt vor die Tür, widerrechtlich in die Feuerwehrzufahrt, und parke hinter dem Kleinwagen des eben erwähnten medizinischen Personals. Sie, behängt mit einem riesigen Schlüsselbund, steigt soeben aus dem gelben Mini. Ich nicke ihr zu, sie ignoriert mich. Sie läutet – Fr. Camel betätigt den Summer. Wir hasten die Treppen hoch – vierte Etage, Erdgeschoß mitgezählt.
Obwohl die Treppenhäuser in Plattenbauten alle gleich aussehen, würde ich das Stockwerk von Fr. Camel mit geschlossenen Augen finden – ohne die Stufen zu zählen. Es ist der Geruch, der sich auf dieser Etage konzentriert. Eine Mischung aus Nikotin, kaltem Lieferessen, alte Leute und Antiseptikum.
Fr. Camel ist überrascht und angetan von dem doppelten Besuch. Sie nimmt die Plastikschale mit den bunten Pillen entgegen, die aussieht wie eine Form mit geschmolzenen Eiswürfeln, tauscht ein paar Worte mit der mobilen Krankenschwester, die ich nicht verstehe und wendet sich mir zu. „Hallo Hr. Bote!“
Ich lächle und erwidere: „17,80 € bitte – Fr. Camel!“
Währenddessen verschwindet die hübsche Brünette vom Pflegedienst.
Ich weise die Medikamente höflich zurück, die mir Fr. Camel anbietet, kassiere und reiche ihr die Bestellung. Sie positioniert die Pizza auf dem Boden, verstaut die Zigaretten zitternd auf dem viel zu kleinen Beistelltisch neben der Tür, der bereits mit Schlüsseln, Porzellanfigurinen und Telefon hoffnungslos überladen ist, und kommt einen Schritt auf mich zu, um das Wechselgeld entgegenzunehmen. Dabei tritt sie auf die Pizzaschachtel, echauffiert sich und befördert das Essen mit einem Fußkick in die Küche. Ich registrierte die absurde Situation, lächle gezwungen und wünsche noch einen schönen Tag. Sie antwortet: „Bis Morgen Hr. Bote!“, doch da bin ich bereits im Treppenhaus.

Mein nächster Auftrag bringt mich an den Rand unseres Liefergebietes – Alte Bautzener Strasse. Unsere Karte endet südlich der B1. Die Koordinaten liegen knapp außerhalb und umfassen gut zehn Quadratkilometer. Man kann Jahre für einen Lieferservice arbeiten und bekommt trotzdem irgendwann einen Auftrag, dessen Adresse eine Herausforderung darstellt.
Mittlerweile ist es kurz vor Neun, draußen dämmert es und die Straßenbeleuchtung wurde soeben aktiviert. Bläulichweiß erwachen die Halogenleuchten fröstelnd zum Leben. Die Fahrer sind alle unterwegs, das Küchenpersonal hat keinen Schimmer von Straßennamen und Adressen, der Chef ist außer Haus. Ich werde wohl allein den Weg finden müssen – kann ja so schwer nicht sein. Natürlich ist mein Zeitvorrat erschöpft. Eine Zustellung innerhalb der nächsten zehn Minuten ist ausgeschlossen. Das bedeutet kein Trinkgeld, wüste Beschimpfungen und im ungünstigsten Fall eine überflüssige Fahrt, da die Kunden ihr Essen zurückgehen lassen. Ich finde mich damit ab und fahre los.
Nach etwa fünfzehn Minuten wende ich mein Fahrzeug bereits zum dritten Mal auf der Chaussee. Mir war, als hätte ich den Namen „Bautzener Strasse“, auf einem der vergilbten Schilder gelesen, die am Rand der Fahrbahn im Dunkeln lauern. In infrastrukturellem Wunschdenken hoffe ich darauf, dass die Bautzener Strasse eine neue Verlängerung oder Umgehung meiner Zieladresse ist. Im Schritttempo fahre ich parallel zur B1 und spähe in die Finsternis.
Ich sehe einen Passanten und während ich über den Eindruck nachsinne, den ein Pizzafahrer hinterlässt, der nach dem Weg fragt, heizt laut hupend ein Dorftrottel mit seinem aufgemotzten Opel an mir vorbei und reißt mir fasst die Tür ab.
Der Einheimische kann mir nicht helfen. Ich bin verzweifelt. Es ist stockfinster und ich fluche vor mich hin. Ein Blick auf die Bestellung verrät mir neben der Telefonnummer des Kunden auch, dass ich bereits zwanzig Minuten überfällig bin.
Zurück im Wagen versuche ich die blecherne Wegbeschreibung aus dem Handy anhand der örtlichen Umgebung zu visualisieren. Ich starte den Motor und fahre, das Telefon am Ohr im Schritt weiter auf dem Kopfsteinpflaster, die Bautzener Strasse hinunter. Und tatsächlich, nach etwa zweihundert Metern zweigt von dem alten Dorfanger eine Art Panzerstrasse ab und verschwindet in einem Areal, das wie eine Kleingartensparte anmutete. Die massiven Betonplatten haben sich während der vergangenen Jahrzehnte in einer bequemen Konstellation arrangiert, welche in keiner Weise die Verkehrstauglichkeit unterstützen. Ich bezweifle, dass die Pizzen im Kofferraum auch nur noch ansatzweise dem Bild in der Karte ähneln, aber das spielt ohnehin keine Rolle mehr.
Ich bringe das Fahrzeug vor einer fünfgeschossigen, heruntergekommenen Plattenbau-Ruine zum Stehen, taste mich mit der Thermo-Box die porösen Stufen der Freitreppe nach oben bis vor das nur spärlich beleuchtete Klingeltableau und suche nach dem Namen auf meinem Auftrag. Ich läute und höre durch die übersteuerte Wechselsprechanlage ein Geschrei und Gezeter während ich entschuldigend mein Anliegen vortrage.
Angekommen im letzten Obergeschoss, die Zunge klebt am Gaumen, empfängt mich ein tätowierter Hüne im Sporthemd. Ein Nacken wie ein Stier, Oberarme wie Baumstämme und einen Brustkorb wie ein Leistungsschwimmer.
Ich entschuldige mich ein weiteres Mal und deute unterwürfige Verbeugungen an, während ich mit gesengtem Haupt das Essen offeriere.
Er erkundigt sich mit einer Fistelstimme, ob ich noch ganz dicht bin und ob ich schon Mal auf die Uhr geschaut hätte. Ich verkneife mir die Bemerkung, dass ich weder über Nachtsicht verfüge, noch davon ausgehe, dass in dieser Gott-verlassenen-Gegend jemand eine Uhr besitzt. Stattdessen wiederhole ich meine Entschuldigung, stelle die Pizzakartons auf den Boden und weiche, die Hände ausstreckend wie ein Bettler, langsam zurück bis an die Treppenstufen.
Conan drückt mir Fünfzig Euro in die Hand, raschelt irgendetwas von „Stimmt so!“ und knallt die Tür zu.
Ich fühle mich, als hätte man eben über mir einen Eimer kalten Wassers ausgeleert, greife nach der Frische-Box und suche das Weite, was sich als nicht ganz so schwierig erweist – Schließlich bin ich ja bereits mitten im Nirgendwo.
Auf dem Weg zurück in die Pizzeria überschlage ich das Trinkgeld und beschließe diese Begegnung irgendwann schriftlich festzuhalten.

In der Küche ist die Situation unverändert. In einem endlosen Strom laufen Pizzen, Chicken-Wings, Burger, Baguette und Kartoffelecken aus dem Ofen. Sie werden verpackt, nummeriert und verschwinden im Wärmeschrank hinter dem entsprechenden Auftrag. Vor dem polierten Edelstahlmobiliar stapeln sich Kunststoffkisten, die mit Argusaugen von ihren Fahrern beobachtete werden. Nichts wirkt sich katastrophaler auf die ohnehin angespannte Stimmung aus, als wenn Aufträge durcheinander gebracht werden. Derartige Verfehlungen ziehen einen riesigen Rattenschwanz an Korrekturen und Schadensbegrenzung nach sich.
Mein nächstes Ziel ist Luge/ Erkrath. Die Namen sagen mir Nichts, aber die Strasse kenne ich. Ich werfe noch einen letzten Blick auf den Auftrag und gleiche ihn mit dem Inhalt meiner Box ab – 9er Nuggets, zwei Pan-Pizzen, Salami und Hawai, eine Maxi-Cheesy-Tonno und ein Gemischter Salat. Alles da, ich verschließe den Deckel staple Soße und Dressing darauf, klemme den Auftrag unter den Rand und mache mich auf den Weg.

Ein 11geschosser, das bedeutet Fahrstuhl. Ich suche im Wald von Klingelschildern nach Luge und Erkrath – 9.Etage. Eine junge Frauenstimme meldet sich. Ich erwidere: „Pizza-Service!“ Die Tür brummt und die schmutzige Anonymität aus abgestellten Kinderwagen, leeren Bierflaschen und ein Flur mit zum Bersten gefüllten Briefkästen mit Werbezeitungen, umfängt mich.
Ich nehme immer zwei Stufen auf einmal, die Treppe hoch bis vor den Aufzug. Ein alter DDR-Lift mit graugrüner Metalltür, die nicht selbsttätig öffnet oder schließt. Die Etagennummern sind kaum lesbar mit Graffitis überschmiert oder mit einem Feuerzeug angekokelt. Ich drücke mit dem Ellenbogen auf den linken oberen Knopf, von dem ich vermute, dass er mich in die neunte Etage bringt. Dann stütze ich die Pizza-Box auf das nachträglich angebrachte Edelstahlgeländer in der Kabine und studiere die gewerbliche Anzeigentafel, welche mit Aluminiumschienen an der Innenwand montiert wurde – Piercingstudios, Coiffeure, Discotheken, Schlüsseldienste, Versicherungen, Kinder- und Augenärzte, Physiotherapeuten und Zeitarbeitsagenturen.
Ich habe mein Stockwerk erreicht. Mit dem Fuß stoße ich die Tür auf, suche im Dunkeln nach dem glimmenden Funken für das Flurlicht und orientiere mich an den Namensschildern – Luge/ Erkrath.
Noch bevor ich läuten kann, öffnet mir eine Frau zwischen Zwanzig und Dreißig. Ihr schwarzes Haar ist nass und klebt am Kopf. Vermutlich war sie gerade Duschen. Über ihren Schultern hängt ein weißes Handtuch, sie nur mit einem Morgenmantel bekleidet. Sie verströmt den Duft von Badewasserzusatz und Hautcreme. Ich stelle den Karton ab um die Hände zum kassieren frei zu haben. Dabei fällt mein Blick auf ihre lackierten Fußnägel und die rasierten Beine. Sie kratzt sich mit der großen Zehe die Wade.
„35,70 € bekomme ich bitte!“, sage ich.
„Was sagten Sie?“, erkundigt sie sich, während sie mit dem Handtuch ihre Haare trocknet und der Ausschnitt ihres Bademantels aufklafft.
„35,70 €!“, wiederhole ich, wobei ich sie ansehe.
Sie dreht sich um und nimmt das Geld von der Garderobe, welches sie offensichtlich schon rausgelegt hat – zwei Zwanzig-Euro-Scheine. „Geben Sie mir 1,00 € zurück!“, lächelt sie.
Ich krame die Münzen aus meiner Börse und reiche sie ihr. Sie verheddert sich in ihrem Handtuch und lässt das Geld fallen. Reflexartig bückt sie sich und ich komme nicht umhin einen Blick in ihr Dekollete zu werfen. Sie ertappt mich dabei. Ich entschuldige mich und sie winkt ab: „Meine Schuld!“
Ich händige ihr das Essen aus und wünsche ihr noch einen schönen Abend. Auf dem Weg nach unten denke ich darüber nach, welche Art der Besuch sein wird, den sie offensichtlich noch erwartet. Eine Frau mit ihrer Figur isst keine drei Pizzen allein. Für sie sind vermutlich der Salat und die Nuggets.
Als ich den Aufzug im Erdgeschoß verlasse, warten bereits drei gestylte Typen auf den Lift. Zwei leger sportlich gekleidet, einer im Anzug – alle drei Ende Zwanzig. Eine Wolke aus Aftershave und Eau de Toilette nimmt mir den Atem.
„Das Essen wartet und der Nachtisch sieht viel versprechend aus!“, sage ich. Damit dränge ich mich grinsend an ihnen vorbei.

Ich sinniere, warum nicht alle Aufträge so anregend sein können und was mich heute Abend noch erwartet. Ich verstaue die Thermo-Box wieder im Heck des Wagens, steige ein, starte den Motor, schnalle mich an, drehe die Musik laut auf und folge der Reihe parkender Fahrzeug durch das Wohngebiet bis ich wieder auf die Hauptstrasse komme. „Fr. Luge“, denke ich und setzte gedanklich ein fettes Ausrufezeichen hinter die Adresse – „9.Etage!“


Lebensweisheiten - Autobiographische Satire

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