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Satire Teil 3

<Süsswarenfabrik>


Vielleicht kennt Ihr diese Veranstaltungen, wo man diverse Produktionsstätten besucht – Porzellanmanufakturen, Süßwarenfabriken, Automobilkonzerne etc. Ich möchte euch von dem Weg hinein, oder hinaus erzählen.
Meine erste Besichtigung war die einer Süßwarenfabrik. Der Veranstalter versprach, man könnte soviel Schokoladenbruch mitnehmen, wie man tragen kann. Das zieht, wie Ihr an mir seht. Hey, kostenlos Schokolade, wer schon mal Schokolade gegessen hat, weiß das ist ein verdammt gutes Argument. Wenn Du in den Louvre gehst, darfst Du anschließend keinen Renoir oder Monét mit nach Hause nehmen.
Ich also rein in den Laden. Gleich zu Beginn so eine Sicherheitsschleuse, mit Wachschutz, Kameras und Doppelglastür. Haben die Angst, dass ich vielleicht meine eigene Schokolade mitbringe? Ich zwänge mich also in diesen doppelwandigen Glaszylinder für Zwerge, als ich endlich an der Reihe bin, und halte die Luft an. Was weiß ich, vielleicht läuft gleich von irgendwo Wasser ein. Dabei versuche ich die Mitarbeiter der Sicherheit unschuldig anzulächeln, was ziemlich bescheuert aussehen muss, weil sich der Wachmann auf der anderen Seite anschließend besonders viel Zeit lässt, bevor er die Tür öffnet. Ich bin halb erstickt. Aber vielleicht hat er auch vor lauter Zucker nicht gleich das richtige Knöpfchen zum Öffnen der Schleuse gefunden.
Hat jemand von Euch schon einmal einen Zuckershock gehabt? Das ist wirklich übel. Nach acht Wodka-Red Bull, vier Cola-Whiskey, in denen bekanntlich mehr Cola als Whiskey ist, weiteren sechs Caipirinha und einer Schlange vorm Klo, dass einem das Zeug fast wieder zur Nase rauskommt – danach kennt Ihr sogar den medizinischen Fachausdruck für Zuckersturz.
Also ich, sichtbar erleichtert, dass sich die Schleuse doch noch öffnet, schnappe erstmal nach Luft und sehe dabei aus wie ein Idiot. Dann stelle ich mir die vielen kleinen Schokoladentäfelchen vor, von denen einige vielleicht sogar den Weg bis zu mir nach Hause finden.
Da baut sich der Wachmann vor mir auf. Er streckt mir ein rosa Plastikkörbchen mit verschiedenen Kameras und Handys entgegen. Das macht mich stutzig. Ich schaue ihn fragend an, dann greife ich zielsicher nach einer Nigelnagelneuen Sony-Cybershot. Doch der Mann ist gut, knallhartes Training und jahrelange Erfahrung haben diesen Reflex geschult.
Bevor ich mit meiner Hand auch nur in die Nähe des Körbchens komme, lässt er es hinter seinem Rücken verschwinden. Ich denke, gut – spielst du mit. Mit einem angetäuschten Manöver nach links, gehe ich rechts um ihn herum, greife mir die Sony-Cybershot von eben, und eine Fuji-Enjoy mit integriertem Blitzlicht. Triumphierend strecke ich meine Beute in die Höhe und führe einen Regentanz auf, der dem guten Mann die Tränen in die Augen treibt. Doch dann greift dieser mit einer bedrohlichen Geste an die Hüfte. Bei bezahlten Staatsbeamten hängt dort für gewöhnlich eine geladene Beretta. Ich verharre in meiner Oscarreifen Darstellung von „Der-mit-dem-Wachmann-tanzt“, schließlich sind ja meine Hände schon oben, und lasse die Kameras zurück ins rosa Plastik fallen. Dann greife ich nach meiner Kamera und lege sie kleinlaut zu ihren Brüdern und Schwestern. „Sorry!“ Der Sicherheitsmann nickt und mir fällt hörbar ein Stein vom Herzen, als er seine Hand wieder von der Taschenlampe nimmt.
So Augenverblitzungen sind mindestens so übel wie Zuckershock, glaubt mir das! Ich habe mal meinem Vater geholfen, eine Gittertür für unseren Wäscheboden zu schweißen. Keine Ahnung warum, als würde jemand die Unterwäsche meiner Mutter klauen. Diese breiten Buchsen, die mich immer an Jutebeutel erinnern und diese hautfarbenen BH´s, die nicht aufreizender werden, wenn man sie in Verpackungen mit Cindy Crawford und Claudia Schiffer steckt. Jedenfalls habe ich meinen Vater beobachtet, wie er so am Schweißen war und mich die ganze Zeit gefragt, warum er sich diese blöde Maske vor’s Gesicht hält. Wenn er das Ding beiseite  legen würde, könnte er sehen was er da macht und die Tür würde später auch in die Angeln passen und potentielle Triebtäter in ihre Schranken weisen. Nun, den Rest könnt Ihr euch denken. Ich lag zwei Wochen in einer Augenklinik. So dumm kann ein Mensch sein.
Zurück zu meinem freundlichen Wachmann. Bernd Wagner! – Ich schaue das erste Mal auf sein Namensschildchen, für den Fall, dass er mich vielleicht doch noch mit seiner Stableuchte erschießt, deutet auf ein kaum zu übersehendes Hinweisschild mit gut 50cm großen Buchstaben, die ich trotz meiner Augenverblitzung hätte problemlos lesen können. Fotografieren auf dem Betriebsgelände ist verboten! Zuwiderhandlungen werden strafrechtlich verfolgt! Ich möchte euch hier auf die Formulierung hinweisen. ZUWIDERHANDLUNGEN – Plural. Nicht genug, dass sich jemand über dieses Verbot hinwegsetzt, er tut es, dieser Unterstellung zur Folge, gleich mehrmals.
 Aber kein Wunder, es ist unheimlich schwer, den Übeltäter mit der Stablampe gleich beim ersten Mal zu treffen, schließlich hat man nur einen Wurf.
Okay, für einen Moment denke ich darüber nach, ob ich mich immer noch auf dem Gelände eines Süßwarenproduzenten befinde, oder ob die ganzen Schokolinsen und Osterhasen nicht nur Fassade für eine Chemiewaffenfabrik sind. Ich nicke Bernd deutlich zu und denke innerlich an mein Handy.
Ich denke nicht, dass ich mich bei dieser penetranten Warnung durch die Süßwaren-Seals an das Verbot halten werde. Das ist eine Story. Ich sehe es schon vor mir: „Chemische Waffenproduktion in Süßwarenfabrik!“
Doch weit gefehlt. Zu früh gefreut. Diese Wachlaute sind gut – mann sind die gut. Sie können sogar Gedanken lesen. Oder es war das breite Grinsen auf meinem Gesicht. „Besitzen Sie ein Handy?“, fragt mich Bernd. Und ich sage „Ja!“, wobei ich einen Heulkrampf unterdrücke. Meine Hand schnellt schuldbewusst zur Jackeninnentasche. Die von Bernd wieder an die Hüfte. „Langsam mein Freund, ganz langsam und nur mit zwei Fingern!“ Mir läuft ein kalter Schauer über den Rücken. Jetzt wird es unheimlich. Ich lasse mein Sony-Erricson ins Körbchen fallen und nehme Bernd seine Frage vorweg: „Das ist mein Einziges!“ Bernd nickt und ich darf zu den anderen Kindern auf den Hof und von den Schoko-Osterhasen kosten.
 Als wir von unserer Tour durch die Weiten der Versuchung wieder bei Bernd, der jetzt Jürgen heißt, ankommen, offenbart sich mir das logistische Problem, welches die Männer hier zu bewältigen haben. Vier rosa Körbchen, randvoll gefüllt mit Handys, Kameras und LCD-Leuchten(?) Bei gut 60Touristen pro Stunde, alles potentielle Bonds und Hunts, da bleibt keine Zeit für erschöpfende Belehrungen. Auf meinem Gesicht macht sich Verzweiflung breit.
 Auf der anderen Seite der Körbchen ein breites, hämisches Grinsen. Jürgen kann ich noch weniger leiden als Bernd. „Und jeder nur ein Kreuz!“ geht es mir plötzlich durch den Kopf, während ich Jürgen im Kostüm eines römischen Legionärs vor mir sehe. Ich nicke rhythmisch und unbewusst wie der Wackeldackel auf der Hutablage im Wagen meines Großvaters. Dann greife ich in den ersten Korb nach zwei Sony-Erricson. Ich öffne bei beiden Handys das Telefonbuch, das Namensregister und vergleiche die Einträge. Silke Johann, Aiko Koch, Lisa Müller, Reiner Schulz Anderes Handy: Sebastian Köhler, Luise Meier, Reiner Schulz – ich muss schmunzeln Ich werfe die Handys zurück ins Körbchen und greife mir zwei Neue.
 Selbes Spiel – Telefonbuch, Namensregister, vergleichen. Konrad Baensch, Ahmed Delicz, Andre Krautter, kenne ich alle nicht.
 Anderes Handy: Marko Grün, Saskia Hauptmann, PARIS HILTON – Ich hab’s, schreie ich, vergesse Jürgen und meinen Schokoladenbruch und kann es kaum erwarten durch die Schleuse nach draußen zu gelangen – Ich muss dringend mal telefonieren.

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