HOMEÜBER MICHMERIDIANSATIREKURZGESCHICHTENGALERIELEKTORATIMPRESSUM  

Satire Teil 4

<Zivildienst>


Ich möchte ein paar Situationen meines Zivildienstes schildern, geradezu ein Paradebeispiel für Frohsinn in all seinen Facetten.
Andere Kriegesdienstverweigerer, die das lesen, werden vielleicht verstehen, wovon ich spreche. Zivildienst ist die systematische Verdummung einer intelligenten Nachkriegsgeneration. Zumindest habe ich es als solche empfunden. Nicht, dass ich dem regulären Dienst an der Waffe dieses Privileg absprechen möchte, dennoch ist die grundlegende Institution, unsere Regierung, hinter dem Gedanken dieselbe. Doch es liegt mir fern, an dieser Stelle das System zu kritisieren, noch über den Sinn- oder Unsinn solcherlei Beschäftigung zu diskutieren. Es handelt sich um simple Tatsachen, die ich erlebt habe, die jedoch deshalb nicht einer gewissen unfreiwilligen Komik entbehren.
Beginnen möchte ich mit meinem Vorstellungsgespräch. Ja, selbst bei einer Pflichtveranstaltung, wie dem Zivildienst, gibt es diesen faszinierenden Dialog zwischen Arbeitgeber und potentiellen Zeitarbeitern.
Das Umfeld, welches ich mir für mein, damals noch Dreizehnmonatiges, Praktikum ausgesucht hatte, war ein Klassischer Deutscher Landschaftspark. So stand es zumindest auf den Schildern am Eingang. Zu diesem Zeitpunkt kannte ich Englische Gärten, Französisches Barock und Japanische Kunst. Aber was bitte ist ein Klassicher Deutscher Landschaftspark? Zumindest fand ich den Namen für meinen zukünftigen Arbeitgeber, unter der Prämisse des Dienstes am Vaterland, sehr passend – ohne überhaupt einen Baum oder Strauch der Anlage gesehen zu haben, geschweige denn das Schloss, den Marstall oder die Orangerie. Vielmehr habe ich mich an den Dutzenden von Hinweisschildern und Wegweisern orientiert, um im Rahmen Preußischer Pünktlichkeit, meinen Termin in der Schlossschmiede wahrzunehmen. Ein wunderbar restauriertes Gebäude im Stil Viktorianischen Barocks.
Direkt unter dem hohen Spitzdach erwarteten mich mein zukünftiger Chef, die Dame der Verwaltung und eine Sekretärin. Soweit nichts Besonderes, wenn man einmal von der Galerie militärischer Nutzfahrzeuge absieht, die mich durch das Treppenhaus begleiteten. Nach einer kurzen Vorstellung der anwesenden Personen übernimmt die „Fr. Verwaltung“ die Erläuterung der Formalitäten, die Sekretärin tippt – was auch immer, und ER nickt – ständig, unaufhörlich, zustimmend, abwesend. Nach diesem kurzen Ausflug in den Verwaltungsapparat einer staatlichen Zivildienststelle hänge ich wissbegierig an den Lippen von „Hupe“, dessen Spitzname mir schemenhaft von einem eingedienten Zivi auf dem Weg zur Schmiede offeriert wurde. Angeblich handelte es sich hier um einen besonders auffälligen Sprachfehler. Meine Bitte auf nähere Erläuterung wurde jedoch mit einem Achselzucken abgetan. „Lass Dich überraschen!“, hieß es.
Hupe begann also mit seinen Ausführungen über die Arbeitsweise im Park und die Pflichten der Zivildienstleistenden. „Das Areal, was wir hier bewirtschaften umfasst 4.000 Hektar. Darunter fallen diverse Seen, Teiche, Waldstücke, WIIIIIESENflächen und Wildtiergehege.“ Erschrocken fahre ich zusammen. Was war das denn? „Die Aufgaben der Zivildienstleistenden sind denkbar vielseitig und abwechslungsreich. Wir haben ein Museum, wo Ausstellungen begleitet werden. Dann haben wir Edelhölzer und übel WUUUUUUUCHerndes Buschwerk, das beschnitten werden muss.“ Da war es wieder, und ich beginne instinktiv die Sekunden zu zählen, um ein System hinter diesen Auffälligkeiten zu erkennen. „Des Weiteren haben wir beachtliche Wasserflächen, die von Teichrosen befreit werden müssen, ganz ZUUU schweigen von dem Laub, welches das ganze Jahr über von den Bäumen fällt.“
Ich bin gespannt und kaue erwartungsvoll auf meiner Unterlippe, während ich ein Lachen unterdrücke. Habt Ihr schon mal versucht, Euch ein Lachen zu verkneifen, das in den Eingeweiden zieht. Man versucht an etwas anderes zu denken, das nichts mit der momentanen Situation zu tun hat. Man versucht, direkten Blickkontakt mit dem Auslöser des Lachens zu vermeiden, was sich in meinem Fall als schwierig erweist. Schließlich würde es Unaufmerksamkeit oder Desinteresse suggerieren, was wiederum nicht so gut ankommt, wenn man sich um einen Job bewirbt – und sei es nur die staatlich finanzierte Pflichtveranstaltung des Zivildienstes.
„Zweimal im Jahr werden zudem die RAAABatten vor dem Schloss bepflanzt, was mit einem erheblichen Arbeits- und Zeitaufwand verbunden ist.“ Ich senke für einen Moment den Blick auf den Prospekt vor mir und schaue anschließend in der Hoffnung auf Rettung zur Dame der Verwaltung, meine „Herrin vom See“ wie ich sie nenne. Doch ihr Blick ist ebenso tränengetrübt, wie der Meine. Ich starre verzweifelt auf die Reihe von Traktoren und Pflugmaschinen an der Wand, in deren Führerhaus ich sämtlich „Hupe“ sitzen sehe. Ich denke nur: „Meister kommt zum Ende, sonst kann ich für nichts mehr garantieren.“ Ich greife schnell nach dem Glas Wasser, welches vor mir auf dem Tisch steht, um das Lachen herunterzuspülen, was unaufhörlich an die Oberfläche drängt. „Während ihrer Zeit hier werden sie lernen zu staken, Nutzfahrzeuge zu fahren UUUND zwischen gut fünfzig Hölzern zu unterscheiden, welcher dieser Park zu bieten hat.“ Ich erkenne, dass es keine besonders gute Idee war, während dieses Gespräches Flüssigkeiten zu mir zu nehmen. Laut prustend verteile ich das Mineralwasser in einem feinen, speichelversetzen Nieselregen über den Tisch, entschuldige mich gleich darauf, verschlucke mich, ringe um Atem und bringe die restlichen zehn Minuten ohne zu lachen mit hochrotem Kopf irgendwie hinter mich.
Den Rest des Tages habe ich Bauchschmerzen. Mit allen Leuten, die ich treffe, spreche ich auffällig langsam, um ganz sicher zu gehen, dass ich mich nicht infiziert habe. Und als ich den eingedienten Zivi erreiche, nicke ich nur und zucke ebenso mit den Schultern wie er zuvor. Nichts desto trotz bekomme ich den Job und trete vier Wochen später meinen Dienst im Park an. Zu diesem Zeitpunkt habe ich den größten Teil der begleitenden Infobroschüre für Zivildienstleistende verdrängt, ebenso wie „Hupe“.
Während der Schnupperphase im Gemeinschaftsraum verliert niemand ein Wort über den Chef, noch über seine Macken oder das Artikulationsdefizit. Punkt Halbsieben habe ich die erste Begegnung mit Moni. Sie ist sozusagen die rechte Hand von „Chef-Hupe“. Sie teilt die Arbeiten ein und protokolliert die Stunden, welche wir im Rahmen unserer Verpflichtung abzuleisten haben. Völlig aufgelöst, hysterisch mit den Armen wedelnd, stürmt sie ins Zimmer: „Kann mir mal jemand mit dem CeCeCeCeCeComputer helfen? Der brbrbrbrbrummt nur die ganze Zeit und ddddder Bildschirm ist Blau!“ Ich denke so bei mir: „Das kann alles nicht wahr sein. Wo bin ich hier gelandet?“ In dem Augenblick kommt Jürgen herein, der älteste Mitarbeiter der Abteilung und Nutzfahrzeugführer. Sechzig Jahre auf gut 1,60 m Höhe verteilt, breit gerippte Kordjacke, Gummistiefel und Hut. Im Mundwinkel eine Zigarette, einen Jutebeutel unterm Arm. „Moin!“ Ich warte! Kommt jetzt noch was? Ja, direkt hinter ihm – Bernd. >Kurzes, zustimmendes Kopfnicken< - kein Wort. Bernd trägt eine blaue Wattejacke, Gummistiefel und einen Bauhelm. Seine Brille hat er vermutlich vergessen, denn sein Blick umfasst den ganzen Raum sowie einen Teil des Flurs. Vielleicht hat er auch noch ein Auge auf Monis Computer, so ganz kann man das bei ihm nicht ausschließen.
Meine Großmutter hat immer gesagt, ich soll keine Witze über Behinderte machen, sonst würde mich der Herrgott ebenso strafen. Da frag ich mich doch, was haben die angestellt, um solch eine Zuwendung unseres Herrn verdient zu haben. Meine Großmutter hätte diese Warnung vielleicht besser an Hupe und Gefolge hier aussprechen sollen!? Ich starre fassungslos auf das Laientheater, das sich mir hier bietet und dessen freiwilliger Statist ich geworden bin.
Da ergänzt Rolf das allmorgendliche Stell-Dich-ein. Wenn ich einen lüsternen Perversen beschreiben müsste – Rolf. Ich ahne zu diesem Zeitpunkt nicht, wie nah ich damit an der Wahrheit bin. Anfang Vierzig, dick, noch kleiner als Jürgen, braune Lederjacke, Turnschuhe, schmieriges Grinsen, winzige Knopfaugen, die rote Nase eines Gewohnheitstrinkers und einen Moppet-Helm auf dem Kopf. Ich werde den Eindruck nicht los, dass eine typbezogene Kopfbedeckung hier zwingend notwendig wird. Rolf legt die Bildzeitung und das Penthouse auf den Tisch, gleich neben seinen von Mutti gepackten Frühstücksbeutel. Er setzt sich neben mich und reicht mir die kleine Hand mit den Wurstfingern. „Ich bin der Rolf.“ Und weiter, denke ich? Da geht doch noch was. So in etwa wie: „Ich mag kleine Mädchen und wohne noch bei Mutti!“
„Hupe“ kommt in den Aufenthaltsraum: „Guten Morgen miteinander! Rolf, du FÄÄÄHrst mit Bernd zur Pyramide und machst den Kahn fertig, dass wir die Einfriedung aufbauen können. Jürgen, DUUU nimmst dir drei Zivis und dann ladet ihr die Zäune auf den großen Hänger. Und Du – er deutet auf mich – und Frank, den altgedienten Zivi – ihr beide NEEEHmt euch den Iseki, und fahrt zum Laubharken hinter das Schloss.“ Laubharken, das wollte ich schon immer mal machen, denke ich, warte und schaue „Hupe“ unglaubwürdig an, als mich Frank am Arm zieht und flüstert, „Schnell raus hier!“
An dieser Stelle muss ich fragen. Habt Ihr schon einmal trockenes Laub auf einen viel zu flachen Hänger verladen, um diesen dann zwei Kilometer zur Kompostierung zu fahren? Nein? Da könnt ihr Jahre mit zubringen. So wie die toten Blätter schaufelweise verladen werden, so fliegen sie während der Fahrt wieder herunter. Netze wären doch eine Idee, meint ihr, oder ein Verschlag, oder einfach ein tieferer Hänger, ein Laubsauger, ein paar Liter Benzin und ein Feuerzeug – ja, so habe ich auch gedacht, aber weit gefehlt. Diese Art der Entsorgung hatte System. Sie sollte den Zivis den sorgsamen Umgang mit Nutzfahrzeugen vermitteln. Wenn man in Rücksichtnahme auf die zu befördernde Fracht im Schritttempo fährt, braucht man für die zwei Kilometer bis zur Orangerie zwar gut eine halbe Stunde, muss jedoch dafür nur einmal fahren, was andernfalls bei der gleichen Menge Laub mindestens sechs, wenn nicht gar acht Fahrten ausmacht – stürmische Witterung bei dieser Überlegung einmal vernachlässigt.
Als besonders hilfreich bei dieser anspruchsvollen Tätigkeit empfand ich die Gesellschaft von „Hupe“, der alle 20 min mit dem Fahrrad vorbeikam, gewissenhaft unsere Laubbesentechnik studierte und per Hand einzelne Blätter vom Weg klaubte, um sie mit Schwung auf den Hänger zu werfen. Nach drei, vier Wiederholungen dieser unterstützenden, wie unnützen Geste und ein paar aufmunternden Worten, wie etwa: „UUUND nicht einschlafen dabei!“, zog er es dann jedoch vor, lieber noch ein paar Runden durch den Park zu drehen, als das Sammeln von Laub zu perfektionieren.
Zu Beginn meiner Zeit als Kriegsdienstverweigerer versuchte ich durch Optimierungs- und Verbesserungsvorschläge die Arbeitsmoral etwas zu heben und die Mitleistenden entsprechend zu motivieren. Doch daraufhin erhielt ich für gewöhnlich die Müllrunde. Das belehrte mich in relativ kurzer Zeit eines Besseren. Ich erkannte den direkten Zusammenhang zwischen den Verbesserungsvorschlägen der und meiner persönlichen Situation.
Habt Ihr schon einmal in einem 4.000 ha großen Park zu Fuß mit Handwagen 253 Mülleimer entleert, in denen Besucher ihre halb geleerten Bierbüchsen, Hausmüll, Nahrungsmittelreste und vollgeschissene Windeln deponieren? Solltet Ihr einmal versuchen. Das formt den Charakter und hat etwas unheimlich Meditatives. Ein Zivi vor meiner Zeit hat in absoluter Selbstkontrolle und Einklang mit der Natur den Handwagen umgehend und im Anschluss an seine Runde in einem der Teiche versenkt.
 Ein Beispiel der Müllentsorgung, dem ich so nicht folgen konnte. Ich entschloss mich für den weniger rebellischen Weg der Zustimmung und Ignoranz von Problemen. Das brachte mir den höchst privilegierten Job des „Regenmeisters“ ein. Dabei war es meine Aufgabe die Wasserkanäle von verrottendem Laub zu befreien und unzählige, versteckte, Sprinkler zu bedienen, die besonders bei Besuchern auf erhöhtes Interesse stießen.
Im Winter musste ich die Zuflüsse vom Eis befreien und verbrachte gut zwei Drittel des Tages im Pumpenhäuschen bei einer Thermoskanne Kaffee und etwas Trivialliteratur.
Ein Jahr, nachdem ich meinen Dienst absolviert und einen würdigen Nachfolger in meine Aufgaben und Geheimnisse eingeweiht hatte, erfuhr ich durch die Zeitung von „Hupes“ Tod. Insiderwissen zur Folge war er während eines nächtlichen Ausritts auf seinem Drahtesel im Park von einem Baum erschlagen worden. Moni hat kurz darauf seine Aufgaben übernommen und anstelle dessen ihre CeCeCeComputer an einen Zivi übergeben. Jürgen hat sich nach einem missglückten Baumschlag, der nachhaltig die Giebelwand des Schlosses beschädigte, auf die Aufzucht von Fasanen und Stockenten konzentriert, bevor er letztlich in Rente ging. Bernd fährt immer noch Nutzfahrzeuge – ohne Brille. Und Rolf nutzt die Annehmlichkeiten des offenen Vollzugs, nachdem er ein paar minderjährige Mädchen von seinen männlichen Qualitäten überzeugen wollte. Ach ja, die „Herrin vom See“, oberste Dame der Verwaltung, schickt mir noch immer den aktuellen Veranstaltungskatalog des Parks.

Lebensweisheiten - Autobiographische Satire

 HOME